Lina Erpenstein im Interview: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Lina Erpenstein im Interview„Wenn nicht jetzt, wann dann?“

In Pozo hat sich Lina Erpenstein nach ihrem überraschenden frühen Aus in der Single Elimination eindrucksvoll in der Double Elimination zurückgekämpft. Für den Mercedes-Benz World Cup auf Sylt, der vom 23. September bis zum 3. Oktober stattfindet, hat sie sich viel vorgenommen und peilt sogar den Titel in der Welle an.

von Act Agency / Sven Block
Die gebürtige Aschaffenburgerin, die in Kiel wohnt und Medizin studiert, geht in Sylt als Viertplatzierte ins Rennen. In einer denkbaren Konstellation und vorausgesetzt die Bedingungen auf Sylt stimmen in diesem Jahr wieder, hat sie damit theoretisch noch die Möglichkeit ganz oben auf dem Podium der diesjährigen Tour zu landen. Ihre größten Konkurrentinnen sind Daida und Iballa Moreno, Sarah-Quita Offringa und Justyna Sniady. Aber die Nordseewelle liegt der symphatischen Worldcupperin, die oft in diesen Bedingungen trainiert. In einem Interview, das der Veranstalter des Mercedes-Benz World Cups auf Sylt, Act Agency, mit ihr geführt hat und das wir hier natürlich gerne veröffentlichen, zeigt sich die 25-Jährige hochmotiviert.

Wieso fängt ein Mädchen aus Aschaffenburg mit dem Windsurfen an?
Mein Vater hat mich dazu gebracht. Ich war 13 Jahre alt und mir hat es von Anfang an Spaß gemacht. In den Schulferien sind wir an Windsurf-Spots gefahren, dort habe ich viel gelernt. Schließlich konnte mein Vater mir nichts mehr beibringen und ich habe mir eine Menge von Videos abgeschaut. Nach dem Abi bin ich zum Studieren nach Kiel gegangen, da ging es richtig los. Ich konnte viel mehr trainieren, habe die Welt bereist und viele Wettkämpfe bestritten.

Wie verbindest du dein Medizinstudium mit dem Windsurfen?
Das klappt gut und wenn ich unterwegs bin, nehme ich meine Lehrbücher mit. Im April nächsten Jahres mache ich mein zweites Staatsexamen. Danach folgt das praktische Jahr. Ich möchte unbedingt weiter windsurfen, wie das aber logistisch laufen soll, ist noch in Bearbeitung.
Lina Erpenstein im Interview: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Lina Erpenstein im Interview: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Lina Erpenstein im Interview: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Was treibst du neben dem Windsurfen?
Ich mache CrossFit, ein intensiviertes Fitness-Training, das die Koordination stärkt und bei dem Herzspitzen von über 180 Schlägen erreicht werden. Allerdings gibt es diese Extremwerte nur ganz kurz und man muss ein stabiles Kreislaufsystem und vor allem eine gesunde Pumpe haben. Aber dadurch ist meine Kardio-Leistung sehr gut, das merke ich in meinen Heats. Für die Ausdauer gehe ich Laufen und zum Entspannen mache ich Musik. Zu Hause steht ein Klavier und als D-Jane lege ich ab und zu auch elektronische Musik auf. Ansonsten studiere ich oder bin auf dem Wasser, es gibt immer etwas zu tun.

Du warst 2018 auf Sylt Dritte. Was können wir in diesem Jahr erwarten?
Ich will mir nicht zu viel Druck machen, sondern einfach nur gut windsurfen und Spaß haben. Sollte ein Podium herauskommen, wäre das großartig. Aber eins ist auch klar. Ich will Weltmeisterin werden. Wenn nicht in der jetzigen Lebensphase, wann dann? In diesem Jahr könnte es theoretisch klappen, aber da müsste schon einiges zusammenkommen. Sylt ist immer für eine Überraschung gut. Ich kenne das Revier und weiß um die Besonderheiten. Ich habe gerade beim letzten Wettkampf auf Gran Canaria gemerkt, was ich leisten kann und mir das klare Ziel gesetzt, eines Tages den Weltmeistertitel zu holen.

Dann sehen wir im nächsten Jahr die windsurfende Ärztin Lina Erpenstein?
Hoffentlich. Natürlich werde ich mein Medizinstudium beenden, aber danach möchte ich im Windsurfen noch einmal voll angreifen und sehen, was möglich ist. Deshalb bin ich auch auf der Suche nach Sponsoren, die mich auf dem Weg nach ganz oben unterstützen. Ich will nicht neben, sondern auf dem Podium stehen.
Lina Erpenstein im Interview: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Lina Erpenstein im Interview: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Lina Erpenstein im Interview: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Was macht das Revier auf Sylt so besonders?
Man weiß vor Westerland nie, was einen erwartet. Der Wind kann in Orkanstärke aus allen Richtungen kommen, genauso wie die Wellen. Der Shorebreak ist heftig, Sylt ist einfach ein unberechenbarer und sehr anspruchsvoller Spot. Im Wettkampf ist alles möglich, bis hin zum Materialbruch.

Das klingt nach harter Arbeit, weniger nach Spaß?
Im Gegenteil, es macht besonders viel Spaß, bei solch herausfordernden Bedingungen vor den vielen Zuschauern sein bestes Windsurfen zu zeigen. Ich bin sehr gern auf Sylt, weil man dort auf dem Wasser viel machen kann. Wenn der Wind nicht weht, geht man eben Wing-Foilen oder Wellenreiten. Und da der Mercedes-Benz Windsurf World Cup ein Grand Slam ist, werden alle Disziplinen ausgetragen und man begegnet Leuten, die man sonst nicht trifft. Das ist einfach schön und ich freue mich sehr auf Sylt.

Haben deutsche Athleten bei diesen speziellen Bedingungen einen Heimvorteil in Westerland?
Natürlich kennen wir die Nordseebedingungen insgesamt etwas besser als zum Beispiel Surfer aus Hawaii. Aber das gilt für alle europäischen Windsurfer. Zudem sind die Athleten mittlerweile so gut, dass sie sich schnell an alle Bedingungen anpassen können. Abgesehen davon waren die Moreno-Zwillinge bestimmt öfter auf Sylt als ich. Allerdings war ich im Sommer 2020 hier und habe die Insel ganz ohne Wettkampfstress erkundet und dabei lieben gelernt.

Was wünschst du dir für den Mercedes-Benz Windsurf World Cup Sylt?
Einen dicken Herbststurm mit wundervollem Wind von der Seite. Und am Ende hoffentlich einen Pokal!

Interview: Act Agency
Fotos: PWA/John Carter / Act Agency

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